Als wir das Gebäude der Convensis Group in Stuttgart betreten, empfängt uns an der Türschwelle bereits Agenturchef Stefan Hencke. Er ist umgeben von gedämpftem Licht. Eigentlich ein bühnenreifer Auftritt, denken wir, doch geschuldet ist er dem baustellenbedingten Stromausfall. Noch vor dem ersten Kaffee am Morgen (harte Bedingungen ohne Strom) beginnen wir das Interview in der Ledersitzgruppe im Büro des CEO. Wir sind gespannt, was das Gespräch für das Portrait der Convensis Group zutage fördert.

„Im Kommunikationsberuf muss man eigentlich, ich übertreibe jetzt bewusst ein wenig, eine eierlegende Wollmilchsau sein“, steigt Hencke ein und beschreibt, worauf es ihm bei Bewerbern und Mitarbeitern ankommt. Neben Persönlichkeit spielen für ihn Kommunikationsfähigkeiten, Leidenschaft und Spaß die tragende Rolle. Abschlussnoten sind ihm nicht so wichtig, vielmehr geht es um die Praxiserfahrung. Praktika sind essenziell und werden seiner Meinung nach zu wenig durch Studienordnungen und Curricula gefördert.

Kommunikationswissenschaft als Studium vermittelt laut Hencke zwar das grundlegende theoretische Wissen, für den Erfolg im Beruf müssen Studenten aber ihren Horizont auch in fachfremden Disziplinen stetig erweitern. Hencke selbst hat unter anderem Agrarwissenschaft, BWL und Verhaltenspsychologie studiert. Heute doziert er zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Agenturchef über Marketing in Trier.

Abgrenzung von PR zu Marketing und Werbung hat Daseinsberechtigung

Dieser „Kompetenzen-Cocktail“ wirft die Frage nach dem Sinn vom teils überwucherten Begriffs- und Definitionsdschungel auf. Für Hencke hat die Abgrenzung von PR zu Marketing und Werbung durchaus noch eine Daseinsberechtigung. „Andererseits verschwimmen in der Tat die Grenzen. So haben auch wir das eigene Unternehmensbild neu definiert: Wir verstehen uns als Creative-Content-Agentur, die für alle Medientypen individualisierte Lösungen anbietet – sowohl im klassischen Bereich von earned media als auch für die Bereiche paid, shared und owned media.“

Grund für die Profilerweiterung ist einerseits die Tatsache, dass die Kommunikationsbranche so schnelllebig ist. Man müsse extrem flexibel und anpassungsfähig sein, besonders mit Blick auf technologische Veränderungen. Andererseits müsse man in Bezug auf die eigene Kompetenz auch ehrlich zu sich und seinen Kunden sein. „Wir wissen sowohl, was wir können, als auch, was wir nicht können“, erklärt Hencke. Eine gewisse Demut sei da wichtig. „Denn sonst verbaut man sich die Chance zu lernen, wenn sich eine Möglichkeit ergibt.“

Emotionale Energietanker sind notwendig

Und intuitiv zwickt uns eine Angstfrage. Für uns hört sich das nach einem Fulltime-Job an, der sich nicht mit geregelten Arbeitszeiten vereinbaren lässt. „Um Gottes willen, nein. Damit die Leidenschaft nicht erlischt, braucht man Freiräume wie einen emotionalen Energietanker“, beruhigt uns Hencke.

Er selbst ist Fan des VfB Stuttgart und befördert selbst gerne das Runde ins Eckige. „Jeden Freitag um 17 Uhr wird Fußball gekickt! Da werden Flüge so gelegt, dass ich am Freitag um 17 Uhr auf dem Platz stehe. Das ist Gesetz und das wissen sogar die Kunden.“

Leibhaftig gewordene Klischees

Was die Agentur betrifft: In der Regel ist nach 19 Uhr im Stuttgarter Convensis-Sitz alles dunkel (von unvorhergesehenen Stromausfällen einmal abgesehen). Mit den 25 Kollegen gibt es durchaus auch mal gemeinsame Unternehmungen. „Alle paar Monate schauen wir, dass wir um 16 Uhr einfach die Schotten dichtmachen und nebenan gemeinsam bowlen gehen. Oder ab in den Weinkeller. Oder wir machen es uns hier in der Agentur gemütlich.“ Hencke steht auf, öffnet den Holzschrank neben der Sitzecke und offenbart uns sein Repertoire an feinen Tröpfchen. Oldschool, Don Draper aus Mad Men würde sich hier wohlfühlen, finden wir.

„Trotzdem: Man muss für die Kunden immer erreichbar sein“, lautet Henckes Credo, selbst bei Freizeitaktivitäten. Und so lebt er seinen Berufsalltag auch, seitdem er Convensis 2001 als One-Man-Show mit Unterstützung einer Teilzeit-Assistentin gegründet hat. Da wird der Bowlingabend mit den Kollegen auch notfalls unterbrochen, wenn ein dringender Kundennotfall ins Haus steht. „Das heißt eben inhabergeführte Agentur.“

 Hencke Stefan CEO Convensis

Stefan Hencke (Foto; © Nils Wahlig) ist der Überzeugung, dass in einer inhabergeführten Agentur der Chef nahezu immer für die Kunden erreichbar sein muss.

Dann wollen wir noch ein wenig über die Entwicklungen in der Kommunikationsbranche reden.

Social Bots alleine funktionieren nicht

Hencke ist in seinem Element angekommen und will den Redebären kaum noch aus der Hand geben. Aber das freut uns, denn wir bekommen einige Insights über den Arbeitsalltag bei Convensis. Da geht es um Kunden in der Pharma, Automotive, Abfallwirtschaft, Uhren und Lifestyle, viel B2C-Kommunikation. Hencke schildert, wie wichtig es ist, auch über rechtliche und wirtschaftliche Veränderungen stets im Bilde zu sein. „Einfach für einen Kunden einen Twitter-Kanal anlegen, das kann schwer in die Hose gehen. Deshalb kommt bei Convensis regelmäßig ein Anwalt vorbei und klärt uns über die neusten rechtlichen Veränderungen auf. Oder auch andere Experten auf unterschiedlichen Gebieten.“

Besonders interessant ist seine Einschätzung zu Social Bots: Gehe es einfach darum, eine Information einzuholen, spare uns ein automatisiertes Antwortprogramm Zeit. So könne man sich mit anderen Dingen beschäftigen. Wenn aber der Service selbst eine Rolle spiele, dann sei es wichtig, dass sich in letzter Instanz noch eine reale Person in das Gespräch einschaltet und sichergeht, dass der Kunde auch zufriedengestellt wurde. Eine Kombination von Bots und Menschen scheint ihm der Königsweg.

Remote Office in Berlin

Zuletzt reizt uns das Thema virtuelle Arbeitsplätze. „In fünf Jahren sind 50 Prozent der Arbeitsplätze in der Branche sozusagen virtuell“, so Henckes Prognose. Aufgrund der wachsenden Internationalität wird es zunehmend schwer, Angestellte über lange Zeit an einem Ort zu halten. Eine Convensis-Mitarbeiterin sei erst kürzlich nach Berlin umgezogen, um dort zu studieren. Damit sie aber weiter für die Agentur arbeiten kann, führt sie nun ein Remote Office in der Hauptstadt. Die Zeit rast und wir merken kaum, dass wir schon eine halbe Stunde über der Zeit sind. Hencke muss im Anschluss in die Schweiz. Für den Weg hat er sich ein Hörbuch herausgesucht: Inspektor Dupin. Einer dieser Freiräume, die man sich nicht nehmen lassen sollte.

Das Interview ist erschienen im pr-journal.de

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.